11 Vorurteile über den Beckenboden

11 Vorurteile über den Beckenboden 

Der Beckenboden: Ein Mysterium aus Muskelsträngen, Bändern und Bindegewebe, versteckt in den Tiefen unseren Beckenraums und ein oft unterschätzter Körperteil – zu Unrecht! Um ihn ranken sich viele Mythen und Vorurteile, mit denen wir im Folgenden ein für alle Mal aufräumen wollen!

 

Vorurteil Nr. 1: Der Beckenboden ist nicht wichtig.

Doch! Zu Unrecht bekommt der Beckenboden nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient hätte. Zunächst: Was ist der Beckenboden überhaupt und wieso ist er angeblich so wichtig? Der Beckenboden ist ein Muskelkomplex im Becken, der sich vom Scham- bis zum Steißbein erstreckt und dabei auch die Sitzhöcker einschließt. Wie eine Art Trampolin schützt und stützt er zum einen unsere Organe wie z.B. Blase und Gebärmutter und sorgt zum anderen für die Schließfunktion und Kontinenz. Es geht aber noch weiter: Als wichtiger Teil unserer Körpermitte sorgt er zusammen mit Bauch- und Rückenmuskulatur dafür, dass wir uns in aufrechter Haltung bewegen können.

Vorurteil Nr. 2: Den Beckenboden spürt man nicht.

Und ob! Verschließe deine Körperöffnungen. Ziehe das Steißbein Richtung Schambein, wie ein Hund, der seinen Schwanz einzieht. Versuche, die Sitzbeinhöcker wie Scheinwerfer, die sich gegenseitig anstrahlen, anzunähern. Hebe alles nach innen-oben Richtung Bauchnabel, als würdest du in einem Fahrstuhl Etage für Etage hochfahren.

Es stimmt allerdings, dass Beckenbodentraining-Neulinge damit anfangen sollten, die Wahrnehmung ihres Beckenbodens zu schulen, bevor sie mit dem gezielten Training anfangen.

 

Vorurteil Nr. 3: Wenn der Beckenboden keine Probleme bereitet, kann man ihn ruhig ignorieren.

Falsch! Man sollte den Beckenboden, wie jeden anderen Muskel auch, präventiv und langfristig trainieren.
Die meisten Frauen machen sich allerdings im Laufe ihrer Schwangerschaft zum ersten Mal Gedanken um ihren Beckenboden, hier wird er nämlich so richtig strapaziert! In der Schwangerschaft wächst die Gebärmutter um das 100-Fache und drückt durch das extra Gewicht des Babys und des Fruchtwassers den Beckenboden nach unten. Zudem sorgt eine Veränderung der Hormone dafür, dass Bänder und Muskeln flexibler werden, um die Geburt zu erleichtern.
Diese gibt dem Beckenboden dann den Rest: Damit das Baby durch den Geburtskanal kommen kann, müssen sich die Muskeln des Beckenbodens nochmals extrem dehnen. Es steht allerdings oft die Fehlannahme im Raum, nur Mütter seien von einem schwachen Beckenboden betroffen. Beckenbodenprobleme können viele Ursachen haben, zum Beispiel eine Lockerung des Gewebes im Alter, Übergewicht oder auch falsches Krafttraining mit zu schweren Gewichten oder Sport mit extremen Stoßbelastungen auf den Beckenboden.
Das heißt: Jede*r (besonders aber frisch gebackene Mamas) sollte seinen/ihren Beckenboden trainieren und nicht warten, bis die ersten (äußerst unangenehmen) Anzeichen für einen schwachen Beckenboden auftauchen.

 

 

Vorurteil Nr. 4: Ein schwacher Beckenboden bedeutet Inkontinenz.

Das kann stimmen! Wenn der Beckenboden nicht ausreichend trainiert ist, können tatsächlich kleine Unfälle, z.B. beim Niesen oder Springen, passieren. Besonders Mamas können von einer Blasenschwäche betroffen sein: Durch Schwangerschaft und Geburt wird die Beckenbodenmuskulatur extrem gedehnt und belastet. Ist das Fundament beschädigt und kann seiner natürlichen Funktion nicht mehr nachgehen, lässt sich der Schließmuskel möglicherweise nicht mehr richtig schließen.
Ein geschwächter Beckenboden kann allerdings nicht nur Inkontinenz zur Folge haben, sondern auch einen ständigen Harndrang, Fremdkörper- oder Druck-Empfindungen im Bauchraum, Rückenschmerzen durch eine falsche Haltung oder Schmerzen beim Sex hervorrufen.

 

Vorurteil Nr. 5: Das wird schon alles wieder, früher haben Mütter doch auch nichts gemacht.

Falsch! Wie sehr der Beckenboden durch eine Schwangerschaft und Geburt herausgefordert wird, war lange nicht bekannt. Kräftigt man ihn postnatal nicht wieder, kann das Spätfolgen wie z.B. Inkontinenz nach sich ziehen. Das Problem kann nur durch entsprechendes Training, das zur Wahrnehmung und Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur beiträgt und die Körpermitte mit einbezieht, verhindert werden.

 

Vorurteil Nr. 6: Nach der Schwangerschaft reicht es, einfach Sport zu machen, um wieder in Form zu kommen.

Das stimmt nicht! Der Beckenboden muss mit gezielten Übungen trainiert werden. Die wichtigste Voraussetzung ist es, ihn wahrnehmen und isoliert anspannen zu können, was häufig erst unter fachlicher Anleitung erlernt werden muss. In den wenigsten Übungen, die wir aus dem normalen Fitnesstraining kennen, wird dem Beckenboden genug Beachtung geschenkt. Es heißt immer „Körpermitte anspannen, aufrechte Haltung“ aber niemals „Aktiviere deinen Beckenboden!“ Nach der Geburt hilft nur ein zielgerichtetes Beckenbodentraining, den stark beanspruchten und gedehnten Beckenboden zu stärken und den Grundstein für ein weiterführendes Ganzkörpertraining zu legen. Nicht zuletzt kann ein zu früher Eintritt in das normale Fitnesstraining die meist noch vorherrschende Rektusdiastase (das Auseinanderstehen der geraden Bauchmuskeln) negativ beeinflussen. Mit regulärem Sport sollte deshalb erst mit Beendigung eines Rückbildungskurses begonnen werden.

Aber!: Der Beckenboden ist nicht als komplett isoliert zu betrachten. Er arbeitet (für die aufrechte Haltung und das Abfedern von Druckbelastungen) direkt mit Bauch- und Rückenmuskulatur zusammen, und auch die Beinmuskulatur ist für ein stabiles Becken wichtig. Das heißt: Der Beckenboden muss zwar gezielt trainiert werden, damit er sein volles Potenzial erreicht, muss auch der Rest des Körpers im Rückbildungstraining gestärkt werden.

 

 

Vorurteil Nr. 7: Nach einem Kaiserschnitt muss man den Beckenboden nicht trainieren.

Falsch! Bei einem geplanten Kaiserschnitt wird der Beckenboden weniger in Mitleidenschaft gezogen, er muss jedoch die Lasten der Schwangerschaft und des schwerer werdenden Babys genauso tragen. Hinzukommt, dass bei einem Kaiserschnitt die Bauchmuskeln deutlich stärker beansprucht werden. Da Bauchmuskeln mit dem Becken und dem Beckenboden zusammenarbeiten und sich die Statik des Körpers in der Schwangerschaft durch den dicker werdenden Bauch stark verändert, sollten auch Mamas mit Kaiserschnitt Wahrnehmungs- und vor allem Kräftigungsübungen für den Beckenboden machen.

 

Vorurteil Nr. 8: Beckenbodentraining ist ein Tabu-Thema und für einen schwachen Beckenboden muss man sich schämen. 

Im Gegenteil! Schwächen im Beckenboden werden zwar leider viel zu selten offen thematisiert, man muss sich für einen schwachen Beckenboden jedoch überhaupt nicht schämen. Laut einer amerikanischen Studie hat jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens mit einem schwachen Beckenboden zu kämpfen. Und, wer hätte es gedacht? Sogar jeder 10. Mann ist betroffen und manchmal sogar Kinder!

 

Vorurteil Nr. 9: Gegen Blasenschwäche kann man nichts machen, bei mir ist das eh schon zu spät.

Zum Glück nicht! Da der Beckenboden aus Muskeln besteht, kann er, wie andere Muskeln im Körper auch, immer trainiert werden. Dadurch lassen sich bereits existierende Beschwerden lindern oder weitere Schäden verhindern. Es ist nie zu spät, etwas für die Gesundheit zu tun! (Das Training muss übrigens auch nicht beendet werden, nur weil der Rückbildungskurs vorbei ist!)

 

Vorurteil Nr. 10: Für Beckenbodentraining braucht man viel Zeit.

Nicht unbedingt! Bereits 5 bis 10 Minuten täglich isoliertes Beckenbodentraining reichen aus. Dazu ergänzend zwei bis drei Kräftigungseinheiten zu je 20 bis 30 Minuten für Arme, Beine, Rumpf oder Ganzkörper. Jede Mama entscheidet selbst, wie viel Zeit sie investieren möchte. Das Gute: Man kann die Aktivierung des Beckenbodens einfach und diskret in den Alltag integrieren, z.B. im Fahrstuhl, beim Zähneputzen oder beim Warten in der Supermarktschlange: Anspannen, drei bis fünf Sekunden halten und genauso lange entspannen. Alternativ schnell eine MumMeFit-Übung in den Alltag einschieben, wenn das Baby beispielsweise gerade ein Nickerchen macht.

 

Vorurteil Nr. 11: Beckenbodentraining ist unsexy. 

Nö! Ein starker Beckenboden und die Fähigkeit, ihn gezielt und kontrolliert anzuspannen, führt zu besserer Sensibilität und einer Steigerung des Lustempfindens beim Sex für beide Partner. Ein weiterer Grund also mit dem Beckenbodentraining zu beginnen!

 

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